Was wollen wir in der Schweiz produzieren und essen?

Der Herbst-Sessionsanlass der SPAG fand am 22. September 2026 in der Grande Société de Berne statt. Im Zentrum stand eine Frage, die weit über die Landwirtschaft hinausführt: Was wollen wir in der Schweiz produzieren und essen? Diskutiert wurden die Zusammenhänge zwischen Landwirtschaftspolitik, Produktion, Konsum, Gesundheit, Wirtschaftlichkeit und Umwelt – und damit letztlich die Frage, wie unser Ernährungssystem künftig ausgestaltet werden soll.

Den Auftakt machte der Agrarwissenschaftler Urs Niggli mit einer breit angelegten Auslegeordnung zu den Herausforderungen der Schweizer Landwirtschaft. Biodiversität, Stickstoffüberschüsse, Pflanzenschutz, Klimawandel und Klimaanpassung, Selbstversorgung, Wirtschaftlichkeit sowie Konsum und Ernährung greifen eng ineinander. Niggli zeigte dabei auf, dass es nicht um eine einzelne Stellschraube geht, sondern um ein komplexes System, in dem ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Ziele immer wieder gegeneinander abgewogen werden müssen. 

Ein Schwerpunkt lag auf der Frage, wie Landwirtschaft produktiv bleiben und gleichzeitig ihre Umweltwirkungen reduzieren kann. Niggli verwies unter anderem auf Precision Farming, Pflanzenzüchtung, agrarökologische Ansätze, biologische Pflanzenschutzmethoden und eine vielfältigere Bewirtschaftung. Gerade bei der Biodiversität seien viele wirksame Massnahmen bereits bekannt – etwa Mischkulturen, Agroforst, Buntbrachen oder Nützlingsstreifen. Gleichzeitig machte er deutlich, dass Nachhaltigkeit nicht als statischer Zustand verstanden werden könne, sondern als fortlaufender Optimierungsprozess entlang der gesamten Wertschöpfungskette. 

Wie sich Ernährungspolitik konkret auf kommunaler Ebene niederschlagen kann, zeigte anschliessend Eva Wyss, Leiterin Umwelt der Stadt Biel. Die Stadt Biel verfolgt das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 und bezieht dabei ausdrücklich auch die Ernährung ein. Denn das Ernährungssystem verursacht einen beträchtlichen Teil der konsumbedingten Treibhausgasemissionen. 

Biel setzt unter anderem bei der öffentlichen Verpflegung an. Saisonale, möglichst lokale oder regionale und biologisch produzierte Zutaten sind im städtischen Reglement verankert. Eine Produktionsküche stellt jährlich über 376'000 Mahlzeiten her, mehrheitlich in Bioqualität und mit Produkten aus einer Distanz von maximal 35 Kilometern. Das Beispiel zeigt anschaulich, wie Städte über Beschaffung, Bildung, Sensibilisierung, Gastronomie und regionale Wertschöpfungsketten Einfluss auf ein nachhaltigeres Ernährungssystem nehmen können. 

Dabei blieb es nicht bei der kommunalen Perspektive. Wyss stellte auch grundsätzliche Fragen an die heutige Agrar- und Ernährungspolitik: Entspricht die Produktion dem, was aus gesundheitlicher und ökologischer Sicht wünschbar wäre? Welche Anreize setzen Agrarpolitik, Handel und Gastronomie? Und wie können Produktion und Konsum stärker zusammengedacht werden? Als mögliche Stossrichtungen nannte sie unter anderem eine stärkere Förderung pflanzlicher Proteine, mehr Kostenwahrheit sowie eine kohärentere Agrar- und Ernährungspolitik. 

Im anschliessenden Interview mit Christof Dietler, Direktor der IG Agrarstandort Schweiz, und im offenen Austausch mit dem Publikum wurden die unterschiedlichen Perspektiven zusammengeführt. Moderiert wurde der Anlass vom Agrarjournalisten Jürg Vollmer.

Der Herbst-Sessionsanlass machte deutlich: Die Frage, was in der Schweiz künftig produziert und gegessen werden soll, lässt sich weder allein auf dem Feld noch allein am Küchentisch beantworten. Sie betrifft Landwirtschaft, Handel, Gastronomie, Politik und Konsumentinnen und Konsumenten gleichermassen. Gerade darin liegt die Herausforderung – aber auch die Chance, Ernährungspolitik stärker als gemeinsames gesellschaftliches Gestaltungsfeld zu verstehen.

SPAG Präsident Reto Wiesli
Jürg Vollmer
Urs Niggli
Eva Wyss
Christof Dietler
Christof Dietler und Jürg Vollmer
Christof Dietler und Jürg Vollmer
Panel
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