Was wollen wir in der Schweiz produzieren und essen?

Am 22. September 2026 lud die Schweizerische Public Affairs Gesellschaft SPAG zum Herbst-Sessionsanlass in die Grande Société de Berne. Im Zentrum stand eine Frage, die Landwirtschaft, Ernährung, Gesundheit, Umwelt und Wirtschaft gleichermassen betrifft: Was wollen wir in der Schweiz produzieren und essen? Die Veranstaltung beleuchtete, wie die heutige Landwirtschafts- und Ernährungspolitik unseren Teller prägt – und wie eine künftige Entwicklung aussehen könnte.

Drei Fachleute näherten sich dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven: der Agrarwissenschaftler Urs Niggli, Eva Wyss, Leiterin Umwelt der Stadt Biel, und Christof Dietler, Direktor der IG Agrarstandort Schweiz. Moderiert wurde der Anlass vom Agrarjournalisten Jürg Vollmer. Bei den Zielen zeigten sich viele Gemeinsamkeiten – etwa bei der Notwendigkeit, Umweltbelastungen zu senken und Landwirtschaft wirtschaftlich tragfähig zu gestalten. Unterschiedlich waren jedoch die Vorstellungen darüber, wie stark Politik und Staat diesen Wandel steuern sollen.

Urs Niggli eröffnete mit einer umfassenden Auslegeordnung zur Zukunft der Schweizer Landwirtschaft. Biodiversitätsverlust, Stickstoffüberschüsse, Pflanzenschutz, Klimawandel und zunehmende Trockenheit seien zentrale Herausforderungen. Trotz grosser Anstrengungen sei in wichtigen Umweltbereichen bislang keine Trendwende gelungen. Seine Präsentation zeigte zugleich, wie breit das Spektrum möglicher Lösungsansätze ist: von Precision Farming und Pflanzenzüchtung über ertragreichere Formen des Biolandbaus und der Agrarökologie bis zu Mischkulturen, Agroforst oder biologischen Pflanzenschutzmethoden.

Dabei warnte Niggli vor einfachen Antworten. Für ihn ist entscheidend, welche Wirkung eine Massnahme tatsächlich erzielt – unabhängig davon, welchem landwirtschaftlichen oder politischen Lager sie zugerechnet wird. Zugleich müsse auch die Ertrags- und Wirtschaftlichkeitsfrage ernst genommen werden. Gerade eine stärkere Produktion pflanzlicher Proteine könne nur gelingen, wenn Kulturen wie Ackerbohnen, Eiweisserbsen, Lupinen oder Linsen für Landwirtschaftsbetriebe wirtschaftlich attraktiv würden. Nachhaltigkeit verstand Niggli entsprechend als kontinuierlichen Optimierungsprozess, dessen Fortschritte anhand ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Kriterien messbar sein sollten.

Wie Ernährungspolitik ganz konkret umgesetzt werden kann, zeigte anschliessend Eva Wyss am Beispiel der Stadt Biel. Dort ist Ernährung Teil der Klimapolitik, denn das Ernährungssystem ist für rund einen Viertel der konsumbedingten Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Biel nutzt deshalb insbesondere seine öffentliche Beschaffung als Hebel: Die städtische Produktionsküche bereitet jährlich rund 377'000 Mahlzeiten für Schulen, Betreuungseinrichtungen und ein Alterszentrum zu – mehrheitlich in Bioqualität und mit Zutaten aus einer Distanz von höchstens 35 Kilometern. Damit schafft die Stadt gezielt Nachfrage nach regional und nachhaltig erzeugten Lebensmitteln.

Wyss plädierte zugleich für eine stärkere Abstimmung von Agrar- und Ernährungspolitik. Die heutige Produktion entspreche aus ihrer Sicht weder ausreichend den Empfehlungen für eine gesunde Ernährung noch den ökologischen Anforderungen. Sie sprach sich unter anderem für eine stärkere Förderung von Biolandbau, Kulturvielfalt und pflanzlichen Proteinen, für mehr Kostenwahrheit bei Lebensmitteln sowie für verbindlichere Ziele gegen Food Waste und Fehlanreize im Detailhandel und in der Gastronomie aus. Auch in ihrer Präsentation forderte sie eine kohärentere Politik, welche Produktion, Konsum und Ernährungsziele stärker miteinander verbindet.

Einen anderen Akzent setzte Christof Dietler. Er sieht den Staat primär in der Rolle, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen – nicht aber darin, den Landwirtschaftsbetrieben vorzuschreiben, was und wie viel sie produzieren sollen. Für ihn sind Nachfrage, Eigenverantwortung und Kooperationen entlang der Wertschöpfungskette die zentralen Treiber des Wandels. Landwirtschaftsbetriebe sollten sich dabei als eigenständige KMU und selbstbewusste Marktpartner verstehen.

Gerade das Bieler Beispiel bewertete Dietler positiv: Wenn Städte oder andere Abnehmer gezielt nachhaltige und regionale Produkte nachfragen, entstehe ein konkretes Marktsignal, auf das Landwirtschaftsbetriebe reagieren könnten. Stärkere staatliche Eingriffe in Angebot und Nachfrage sieht er dagegen kritisch. Statt verbindlicher Vorgaben setzt er auf freiwillige Zusammenarbeit zwischen Produktion, Verarbeitung und Handel und verwies auf bestehende Kooperationsmodelle und Labels.

In der von Jürg Vollmer moderierten Diskussion wurde damit ein grundlegender Unterschied sichtbar: Während Niggli und Wyss stärkere politische Zielsetzungen und Anreize befürworten, setzt Dietler stärker auf Rahmenbedingungen, Marktmechanismen und Kooperation. Gemeinsam ist allen drei Positionen jedoch die Erkenntnis, dass eine Veränderung des Ernährungssystems nicht allein über Empfehlungen an Konsumentinnen und Konsumenten erreicht werden kann. Sie entscheidet sich ebenso auf dem Acker, bei Direktzahlungen und Produktionskosten, in Abnahmeverträgen und Verkaufsregalen sowie in den Küchen und Speiseplänen.

Der Herbst-Sessionsanlass machte damit deutlich, wie eng Landwirtschafts-, Ernährungs-, Umwelt- und Wirtschaftspolitik miteinander verbunden sind – und wie wichtig der offene Austausch über unterschiedliche Wege zum gemeinsamen Ziel bleibt.

Jürg Vollmer hat die Diskussion auf seiner eigenen Webseite Food Revolution zu einem umfassenden Beitrag ausgearbeitet: 
https://www.food-revolution.info/p/ernaehrungswende-standpunkte-niggli-wyss-dietler

SPAG Präsident Reto Wiesli
Jürg Vollmer
Urs Niggli
Eva Wyss
Christof Dietler
Christof Dietler und Jürg Vollmer
Christof Dietler und Jürg Vollmer
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